Noch bevor ich mich auf diese grosse Reise begeben habe, bin ich immer öfter alleine losgezogen. Nicht ausschliesslich, aber zunehmend. Für manche mag das seltsam wirken – warum sollte man freiwillig allein verreisen? Für mich gibt es einen klaren Unterschied zwischen Urlaub und Reisen. Urlaub habe ich noch nie allein gemacht. Aber wenn es darum geht, tiefer einzutauchen, eine Region wirklich zu erkunden, dann zieht es mich oft alleine los.
Warum? Was ist der Reiz am alleine reisen?
Es ist die Unabhängigkeit. Die Freiheit, jeden Tag, jede Stunde genau das zu tun, wonach mir gerade ist. Ich lasse mich leicht von anderen beeinflussen, sage schnell ja zu einem Vorschlag, um niemanden zu enttäuschen. Als klassischer People Pleaser neige ich dazu, die Bedürfnisse anderer über meine eigenen zu stellen. Das klingt vielleicht dramatischer, als es ist – keine Sorge, ich hab schon Social Skills. Aber alleine zu reisen schenkt mir den Raum, ganz bei mir zu sein.
Ein Teil von mir will sich auch immer wieder selbst beweisen, was ich alleine schaffen kann. Welche Herausforderungen ich meistern kann. Es gibt kaum einen besseren Weg, sich selbst kennenzulernen, als sich alleine auf den Weg zu machen und die Welt zu entdecken.
Wenn ich vergleiche, wie ich mich bei meiner ersten „richtigen“ Alleinreise gefühlt habe – damals drei Wochen durch Südfrankreich mit dem Zug – und wie ich heute reise, sehe ich drei sehr unterschiedliche, aber gleichzeitig zusammengehörende Versionen von mir.
Südfrankreich war der Anfang. Mein Traum war es, die Lavendelfelder der Provence zu sehen. Ich war unfassbar nervös, voller Was-wenns – und es wurde eine wunderschöne Reise. Noch ganz anders, als ich sie heute vielleicht gestalten würde, aber gerade deshalb besonders.
Die nächste Reise führte mich durch Norwegen – von Molde zurück nach Hause, in zwei Wochen mit Fähren und Zügen. Am Ende dieser Reise wusste ich: So möchte ich weiterreisen. Ich war schon viel mehr bei mir als beim ersten Mal.
Wonach suche ich?
Als ich losgezogen bin, ging es zunächst darum, wegzugehen. Weg vom Bekannten, weg aus dem Strudel des Alltags. Ich hatte das Gefühl, festzustecken – in meiner kleinen Blase zu Hause. Müde davon, Erwartungen zu erfüllen, in Rollen zu schlüpfen und Masken zu tragen. Ich wollte raus, frei sein, atmen können.
Zu Beginn bin ich im Entdeckermodus, will möglichst viel sehen und erleben. Neue Orte, neue Eindrücke, neue Perspektiven. Doch egal, wie viele Länder ich bereise, wie viele Tempel, Berge oder Strände ich sehe – am Ende sind es die Menschen mit ihren Geschichten und Erlebnissen, meine eigene Geschichte und die Reise zu mir selbst, die wirklich zählen. Es sind die Emotionen, die Erkenntnisse und die inneren Bewegungen, die bleiben und in Erinnerung weiterleben.
Die Perspektive verändert sich. Langsam, fast unmerklich – doch dann kommt dieser eine Moment der Klarheit. Ein Augenblick der Selbsterkenntnis. Mit der Zeit häufen sich diese Momente. Natürlich ist es ein Auf und Ab, wie alles im Leben. Vielleicht werden sie auch mal seltener. Doch zu wissen, dass sie da sind – und darauf vertrauen zu können –, ist ein Geschenk. Die Blickrichtung verschiebt sich: von aussen nach innen. Es entsteht eine neue Form von Gelassenheit.
Diese Veränderung kommt durch das Sehen und Erleben. Durch das Beobachten, wie Menschen in anderen Kulturen ihr Leben leben – mit einer Ruhe, einer Leichtigkeit, die uns oft fremd ist. Ihre Sicht auf das Leben zu verstehen, zu erleben, dass es auch anders geht. Dass es weitergeht, egal was passiert. Und dass es oft gerade dann spannend wird, wenn nicht alles nach Plan verläuft.
„Ich reise allein, weil ich wissen will, wer ich bin, wenn niemand sagt, wer ich sein soll.“
Ich suche nach meinem inneren Kern. Nach den Träumen und Wünschen, die ich im Lärm meiner Gedanken manchmal nicht hören kann oder im Strudel des Alltags nicht hören mag. Ich suche Antworten auf Fragen, die ich noch gar nicht kenne. Ich suche nach Zugehörigkeit, nach Abenteuer – nach Leben.


Hinterlasse einen Kommentar